Die andere Seite

„Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind aufgrund ihrer desolaten Lebenssituation in der Bayernkaserne in Hungerstreik getreten. Wer die Situation der Jugendlichen kennt, kann gut verstehen, dass sie sich nun mit drastischen Mitteln Gehör verschaffen.
Die Jugendlichen, viele aus Afghanistan und Somalia, haben schon in ihrer Heimat heftige Gewalterfahrungen bis hin zu Lebensbedrohungen erlebt und eine schwere Flucht hinter sich. Oft waren sie längere Zeit noch in Ländern wie in Griechenland und Italien, wo Flüchtlingsschutz nicht existiert, wo sie weiter Gewalt ausgesetzt waren.“

Seit einiger Zeit beobachte ich die Situation von Menschen in München, die aus Ihrer Heimat geflohen sind, aus einer gewissen Distanz. Immer wieder erfahre ich, wie unwürdig diese Menschen in unserer reichen Stadt untergebracht und verpflegt werden und wie gering die Unterstützung ist, die sie von uns erfahren. Hinzu kommt, dass die miserablen Lebensbedingungen wohl kaum Beachtung finden.

Was bitte passiert denn hier, dass sich eine junge Frau oder ein junger Mann, die oder der endlich das rettende Ufer, die Weltstadt mit Herz, erreicht hat, zu einem Hungerstreik entschließt? Ich kann mir kaum vorstellen, dass diese Menschen überzogene Erwartungen an ihre Lebenssituation in München haben.

An der Situation dieser Menschen wird für mich deutlich, was für ein gewaltiger Graben durch München verläuft. An ihr lässt sich bemessen, wie viel Herz die Weltstadt hat.

Ich male mir innerlich ein Bild von München. Die Isar ist ein tiefer schwarzer Graben, und es gibt zwei Seiten. Wenn ich schreibe, ich habe die Situation der Flüchtlinge aus einer gewissen Distanz betrachtet, dann meine ich damit „von der anderen Seite“. Daran ändern auch meine vordergründige Toleranz und meine Geldspenden nichts. In meinem Bild gibt es nur zwei Seiten und eine Entscheidung. Und für diese schäme ich mich. Ich habe eine Sehnsucht danach, mich mit denjenigen zu solidarisieren, die ohne Grund ausgegrenzt werden. Es geht mir darum, die Lebenssituation dieser Menschen zu verbessern und darum, das zu tun, was ich für angebracht halte. Es geht mir um einen Schritt raus aus dem Wahnsinn dieser Seite, der sich in diesem hässlichen Graben durch München widerspiegelt. Ich will ankommen in dieser Realität und aufhören, sie zu verdrängen.

Ich glaube auf einer tieferen Ebene (jenseits der materiellen) gibt es weder Gewinner noch Verlierer auf den beiden Seiten. Nur viel vermeidbares Leid beiderseits und die Illusion, dass diese Menschen und ihr Schicksal nichts mit meinem zu tun haben. Ich will herausfinden, wie das wirklich ist und das schaffe ich vermutlich nur, wenn ich mich näher an sie heran traue.

Pressemitteilung von Refugio

Edit (22.05.2012):

Hab mir gerade „Die Farbe des Ozeans“ im Kino angeschaut. Ich finde der Film stellt den beschriebenen Graben und das Leid auf beiden Seiten davon sehr schön dar. Hat mich sehr bewegt, obwohl der Film nie auf die Tränendrüse drückt. Das hat er aber auch nicht nötig…

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