Das menschliche Wesen ist abhängig

Spätestens seitdem ich Anfang 2002 den Quadrinity Prozess gemacht habe, erforsche ich mit großem Interesse mich selbst und versuche dabei zu erkennen, welche Erkenntnisse ich auf das menschliche Wesen im Allgemeinen anwenden kann.
Ich habe mir irgendwann in meiner Grundschulzeit geschworen, dieses Leben alleine zu meistern. „Ich brauch euch alle nicht mehr!“ Dieser Schwur hat seine Wirkung voll entfaltet. Mit 26 Jahren hatte ich einen Haufen Geld auf meinem Konto, eine angezahlte Eigentumswohnung in München und ein kleines regelmäßiges Einkommen für die nächsten 20 Jahre sichergestellt.
Jetzt merke ich, dass ich mein eigentliches Ziel – emotionale Unabhängigkeit und das subjektive Gefühl von Freiheit – nie erreicht habe und auf diesem Wege auch gar nicht erreichen kann.
Das hat mein Selbstbild ins Wanken gebracht. Ich empfinde mich mittlerweile als abhängiges Wesen. Meine Freiheit besteht unter anderem darin, zu wählen, von was oder wem ich mich abhängig mache.
Ich beobachte die Menschen, die mir nahe stehen, und schaue, ob ich bei Ihnen eine Bestätigung für dieses Menschenbild finde. Tatsächlich ist das – zumindest in meiner Wahrnehmung – häufig der Fall. Manche machen sich von Gott oder Jesus Christus abhängig, andere von ihrem Partner, ihren Eltern, einem gesellschaftlichen oder persönlichen Ideal. Viele von dem Bestreben nach Unabhängigkeit. Auch mehrere Autoritäten gleichzeitig sind möglich.
Gestern habe ich im Spiegel einen Report über die Täter im Nationalsozialismus gelesen. Nur ungefähr die Hälfte der ermordeten Juden wurde in Konzentrationslagern umgebracht. Es gab über 100.000 Mörder. Die wenigsten von Ihnen konnten als krank eingestuft werden und die meisten haben nach dem Zerfall des Dritten Reiches als ganz normale Bürger gelebt, ohne dass von Ihnen eine Gefahr ausgegangen wäre.
Es wird auch ein Versuch geschildert, in dem Probanden falsche Antworten von Prüflingen mit Stromschlägen bestrafen sollten. Die Probanden konnten dabei die Prüflinge nicht sehen, aber ihre Schreie hören. Die Schmerzen waren dabei simuliert, das wussten die Probanden allerdings nicht. Die Mehrzahl hat den Prüflingen trotz Schmerzenschreie Stromschläge mit 450V versetzt, wenn sie durch den Versuchsleiter dazu aufgefordert wurden.
Diese Vorgänge legen den Verdacht nahe, dass der Mensch eher den expliziten oder impliziten Anweisungen einer von ihm akzeptierten Autorität folgt, als das zu tun, was er für richtig – oder moralisch vertretbar – hält.
Dabei scheint für mich die Autorität, der es zu folgen gilt, häufig den Charakter eines Heilbringers zu haben. Hitler wurde so eingestuft. Für viele ist Unabhängigkeit die Rettung vor Leid und Schmerz, für andere eine Person.
Ich bin gespannt, was bei diesen Forschungen noch zu Tage tritt. Meine Lehre daraus ist bisher, große Aufmerksamkeit dafür zu verwenden, wen oder was ich als Autorität in meinem Leben akzeptiere. Spannend finde ich überdies, dass meine grossen Vorbilder sich selbst ebenfalls als sehr abhängig eingestuft haben.

03.11.2014
Ich habe weiter geforscht und bezeichne mittlerweile das menschliche Wesen als selbstbestimmt und unabhängig. Dennoch sind meine Beobachtungen richtig und auch die Schlussfolgerung nachvollziehbar. Der Schlüssel liegt in den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen wir leben. Da bleibt nicht viel von unserer wesenseigenen Selbstbestimmtheit übrig.
Ich empfehle „Angst im Kapitalismus“ von Dieter Duhm.
Das Milgram-Experiment: http://de.wikipedia.org/wiki/Milgram-Experiment

2 Kommentare zu “Das menschliche Wesen ist abhängig

  1. inspirierende gedanken!

    >viele machen sich von dem bestreben nach unabhängigkeit abhängig<
    das musst du mir mal genauer erklären. 🙂

  2. ist es psychologisch gesehen nicht so, dass man seine autoritäten aus einer verwirrtheit heraus wählt? müssen diese autoritäten, welcher art auch immer, nicht ebenso verwirrt sein, wie derjenige der sie wählt?

    wenn wir wüssten was wir tun wollen und was wir lieber sein lassen, bräuchten wir keine psychologische autorität. und das ist es wohl um was es in deinem text geht. nicht die physische abhängigkeit macht uns zu schaffen. wie du aufgezeigt hast ist diese verhältnismäßig leicht zu überwinden jedoch nicht das eigentliche begehren. solange unsicherheit in uns herrscht wird es ein verlangen nach autorität geben. doch in der autorität wird man niemals sicherheit finden.

    niemand kann uns das erforschen unseres innersten abnehmen. wir sind direkt verantwortlich für unser handeln. um die (meist absulut zerstörerische) konditionierung zu überwinden muss ein hohes maß an aufmerksamkeit herrschen. ungeteilte aufmerksamkeit. aufmerksamkeit sich selbst gegenüber, seinem handeln, seinem denken wie auch der konditionierung die wir nur zu gerne vorschieben als entschuldigung für unsere taten. wir sehen zwar was wir tun, richten unseren blick jedoch auf die zukunft in der wir uns fest vornehmen uns zu ändern. dabei verlieren wir die gegenwart aus den augen. das einzige was existiert. niemals werden wir in der zukunft sein, wir waren, sind und werden immer im jetzigen augenblick sein. jede gedankliche flucht in die zukunft ist ein flucht vor sich selbst. vor dem, was tatsächlich ist. das ziel heiligt nicht die mittel. das ziel SIND die mittel. wahre veränderung muss der anfang sein, nicht das ziel.

    erst wenn wir aufhören werden-zu-wollen kann ein klarer blick nach innen und nach außen herrschen, der nicht getrübt ist von vourteil, einschätzung und identifizierung. angst und unsicherheit sind der grund für unsere suche. wenn jede suche aufhört, erblüht innere ruhe und freiheit. somit auch die freiheit von jeglicher autorität.

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